World Usability Day Frankfurt 2018: Rückblick

transparency? – Der World Usability Day 2018 im Rückblick

Titelbild World Usability Day 2018
Am 8. November 2018 fand der World Usability Day zum vierten Mal in Folge auch in Frankfurt statt. Dieses Jahr haben wir das Thema „Transparenz“ aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert, speziell seine Bedeutung für die Disziplin Design. Und wie schon im letzten Jahr haben wir hier die wichtigsten Impulse des Abends für Sie zusammengefasst.

„UX Design for Good or Evil?“ war das Motto des WUD 2018. Wie immer haben wir uns für den WUD Frankfurt einen besonderen Spin dazu ausgedacht: Beim WUD Frankfurt 2018 drehte sich alles um das Thema „Transparenz“. Denn Transparenz ist für Design eine relevante Kategorie – in mehrfacher Hinsicht. Wir brachten dazu insgesamt 9 Speakerinnen und Speaker auf die Bühne, um das Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

Yara Dobra und Felix Guder eröffneten die Veranstaltung und führten uns als Moderatoren charmant durch den Abend.

Transparenz als prägende Dimension der digitalisierten Gesellschaft

Transparenz ist in einer demokratisch geprägten Gesellschaft immer ein Thema. Durch das Fortschreiten der technologischen Entwicklung wird sie uns allerdings nachhaltiger begleiten als die jeweiligen politischen Themen des Tages“. Besonders durch die Digitalisierung treten Chancen und Risiken heute viel deutlicher zu Tage. Heute steht uns die Möglichkeit offen, so gut wie alles zu beobachten und in Daten zu vermessen. Wir haben den Anspruch an Institutionen wie Staat oder Unternehmen „transparent“ zu sein und transparent zu agieren. Wir werden umgekehrt misstrauisch, wenn Einzelakteure bei ihrer Datensammlung übergriffig werden, was die aktuelle Skepsis gegenüber großen Technologiefirmen, die Snowden-Enthüllungen oder auch die Diskussion um den „gläsernen Bürger“ zeigen.

Dabei ist das Thema allumfassend und vieldeutig. Allumfassend, da digitale Technologie heute unser gesamtes Leben durchdringt; vieldeutig, da Transparenz auf einem Spektrum zwischen einem Mehr und einem Weniger verläuft und dabei als Begriff mit Wertungen aufgeladen ist. Haben Sie sich zum Beispiel schon mal gefragt, warum wir von „gläsernen“ Bürgern sprechen – und nicht von „transparenten“? Je nachdem, an welche Entität man also den Begriff anlegt, ändert sich auch die Sichtweise. Beim Staat? Transparent – gut! Intransparent – böse! Beim Bürger? Not so much.

Die Komplexität dieses Themas machte es in unseren Augen perfekt für einen Einstieg in den WUD 2018. Wie Felix Guder bei der Eröffnung sagte: Der WUD ist ein gutes Setting, um unter Vernetzungslogiken Fragen zu klären, die für uns einzelne zu groß und mächtig geworden sind. Wicked Problems eben. Entsprechend wollten wir uns dieses Jahr abseits von Wertungen mit der Transparenz als Dimension im Design beschäftigen. Lassen sich ihre verschiedenen Abstufungen zwischen mehr und weniger gestalten? Und wofür kann man sie nutzen? Diesen Fragen wollten wir auf den Grund gehen.

Auch dieses Jahr hatten wir beim WUD wieder spannende Diskussionen und eine tolle Stimmung. Wir freuen uns über die zahlreichen Gäste bei einer ausgebuchten Veranstaltung.

Abendprogramm 2018: Impulse, Podium, Buchvorstellungen

Dieses Jahr entschieden wir uns für eine Tour de Force durch acht Vorträge und eine anschließende Podiumsdiskussion. Die Vortragszeiten haben wir absichtlich knapp bemessen, damit vor allem die Kernaussagen unserer Speaker im Gedächtnis bleiben. Publikumsbeiträge wurden auf eine anschließende Podiumsdiskussion konzentriert. Natürlich gab es für unsere 150 Gäste auch wieder jede Menge Chancen zum Netzwerken bei Wein und Brezeln. Außerdem hatten wir am Rande der Veranstaltung einen kleinen Bücherstand aufgebaut, wo neben unterschiedlicher Lektüre auch Jochen Denzingers neues Buch Das Design digitaler Produkte vorgestellt wurde.

Autogrammstunde mit Jochen Denzinger. Auf dem WUD konnte man sich mit ihm und seinen Co-Autoren über ihr Buch Das Design Digitaler Produkte austauschen. DDDP erschien im Birkhäuser Verlag und ist online erhältlich.

Das Programm: Transparenz, Gestaltung, Verantwortung und Teilhabe

Transparenz und der Mensch – zwischen Wissen, Glauben und Vertrauen

Nach einer kurzen Begrüßung durch unsere Hosts Yara Dobra und Felix Guder sowie einem Grußwort durch unsere Gastgeber von der DB Systel begaben wir uns direkt in die Beiträge.

Felix Guder (iconstorm)
„transparency?“


Dieses Jahr führte uns Felix Guder in das Thema des Abends ein. Transparenz sei als Gegenstand schwer zu greifen, denn sie führe uns an die Grenzen des menschlichen Wissenshorizonts. Wenn Menschen versuchen, sich mit Komplexität auseinanderzusetzen, haben sie generell zwei Möglichkeiten: Sie können einen Gegenstand unter die Lupe nehmen und ihn im Detail betrachten oder aus einer Vogelperspektive. Hierbei tut sich jedoch eine nicht reduzierbare Komplexität auf. Betrachten wir zum Beispiel eine Facebook-Seite aus der Nähe, sehen wir uns mit Code und Algorithmen konfrontiert, die wir von Außen nicht einschätzen können. Aus der Ferne betrachtet ist Facebook ein Netzwerk aus Metadaten zu über 2 Milliarden Benutzern. Können wir diese Komplexität wirklich in „Wissen“ ummünzen? Hier kommt das menschliche Gehirn an seine Grenzen: Es ist in der Lage, Wissen zu generieren und auf Basis von Annahmen und Heuristiken zu agieren. An der Grenze unseres Wissens schaltet es damit in den Modus „Glauben“ oder „Vertrauen“ um; und durch die Masse an Informationen, die uns über die Welt zur Verfügung stehen, ist das häufig auch notwendig. Zu viel Transparenz führt also zu Nicht-Wissen und hoher Komplexität; um unsere Welt zu steuern, sind wir in diese Kontext gezwungen, auf „Glauben“ zurückzugreifen. Und daran haben wir uns heute gewöhnt. Was passiert zum Beispiel bei einer Volksabstimmung über einen Brexit? Eine hochkomplexe Frage wird auf einen Ja/Nein-Entscheidung reduziert, bei der alle Abstimmenden die Konsequenzen ihrer Entscheidung nicht verstehen können. Sie entscheiden basierend auf Annahmen und mittels eines vereinfachenden Interfaces namens „Wahlzettel“, das die eigentliche Komplexität der Entscheidung verbirgt. In der Zeit des „Don’t make me think“ interagieren alle Menschen täglich mit solchen Interfaces, die die Dinge auf einen für sie vermeintlich verständlichen Rahmen reduzieren. Was heißt es also, in diesem Chaos „Transparenz“ zu schaffen?

Stefan Bergheim (gutlebendigital)
„Transparenz und Lebensqualität“


Unser zweiter Speaker war Stefan Bergheim vom Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt, der sich im Dialogprozess „gutlebendigital“ damit auseinandersetzt, wie wir die Digitalisierung so gestalten können, dass sie sich positiv auf unsere Lebensqualität auswirkt. Er begann mit einem kurzen Diskurs zu Transparency International: Der Verein leitet aus Wahrnehmungsbefragungen einen sogenannten Korruptionsindex ab, der für verschiedene Demokratien gemessen wird. Interessanterweise korreliert der Wert für die „gefühlte“ Korruption in einem Land in der Regel mit anderen Variablen, die die Lebensqualität in einer Gesellschaft abbilden können, wie zum Beispiel kulturelle Ausprägungen (Engagement, Selbstbestimmung, Toleranz…), institutionelle Faktoren (Freiheitsrechte, Demokratisierung…) und wirtschaftliche Outcomes (Bildung, Gesundheit, Innovation, Einkommen…). Diese Faktoren stehen in Wechselwirkung zueinander, und es sind immer dieselben Staaten, die hier gut abschneiden. Stefan nennt das die „Glückliche Variante des Kapitalismus“. Über die verschiedenen Kategorien hinweg lassen sich nun Querschnitts-Themen identifizieren, die Indikator für die Lebensqualität in einer Gesellschaft sind. Dazu gehört – neben Teilhabe, Standards und Regeln sowie Vielfalt – auch die Transparenz. Sie sei also ein entscheidendes Moment, das im engen Zusammenhang mit der Lebensqualität im digitalen Zeitalter stehe. Natürlich blieben weiterführende Fragen, die Stefan zurück in die Runde gab: Wir müssen entscheiden, über was, über wen und für wen wir jeweils Transparenz herstellen möchten. Und dann müssen wir uns noch über das Wie Gedanken machen.

Human Nagafi (1789 Innovations AG)
„Transparent Organizations“


Eine erste Annäherung an die Praxis brachte Human Nagafi von 1789 Innovations mit. Der ehemalige PwC-Manager sprach über Transparenz in Organisationen, wobei er betonte, dass sein Vortrag nicht nur Forschung, sondern auch viel Meinung enthalte. Er nahm uns zunächst kurz mit in eine kleine Geschichte aus seiner persönlichen Erfahrung in einem „modernen“ Unternehmen. Die Arbeit sei geprägt gewesen von agilen Strukturen, Eigenverantwortung und dem Wunsch nach „self-starting Employees“, wie man heute so schön sagt. In einem solchen Setting sei es sehr wichtig, an Informationen zu kommen, um seine Arbeit richtig machen zu können. Jedoch besteht insbesondere bei flachen Hierarchien das Risiko, dass Informationen zu einem Machtmittel werden. Entsprechend sah er sich einem hohen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, wenn er Informationen beschaffen wollte: Detaillierte Mails an den Chef, die Vorbereitung einer Argumentationsstrategie und das Ausdenken guter Gründe für die Anfrage seien normal gewesen. Ergebnis? Die Ausbildung hervorragender (Büro-) Politiker! Politik sei eine der Kernfähigkeiten, die man in Unternehmensstrukturen oft „lernt“. In der aktuellen Welt sei für Organisationen ein so zäher Informationsfluss jedoch schädlich für die Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen sehen sich einer komplexen Welt gegenüber und könnten sich nur als „komplexes adaptives System“ darauf einstellen. Dafür sei im Unternehmen das Herstellen von Transparenz – über Prozesse, Skills, Strukturen – jedoch essenziell. Dinge messbar zu machen, sei jedoch oft ein schwieriges (und ebenfalls politisches) Anliegen, da sie eine strukturelle Veränderung in Organisationen mit sich bringen.

Julia Riederer (iconstorm)
„Civic Design – Neue Chancen für politische Teilhabe.“


Nach Humans Blick auf die Wirtschaft wendeten wir uns mit Iconstorm-Designerin Julia Riederer der Politik zu. Julia arbeitet im Rahmen des Civic Design Projekts wepublic daran, Politiker und Bürger näher zusammenzubringen. Beeindruckt von Trump und Brexit stellte sie sich 2016 die Frage, ob Design dazu beitragen könnte, neue Schnittstellen für eine bessere Kommunikation zwischen Politikern und Bürgern zu schaffen. Die App +me ist der Versuch, genau das zu erreichen: Sie zielt auf eine verständnisorientierte Kommunikation, in der es um einen sachlichen und direkten Austausch zwischen Wählern und Parteien geht. Julia ging insbesondere auf die Herausforderungen beim Design einer solchen Schnittstelle ein und zeigte, wie die App diese löst: Sie müsse einerseits die Komplexität der Themen aufgreifen können, andererseits aber auch den emotionalen und kognitiven Fähigkeiten ihrer Nutzer gerecht werden. Praktisch funktioniert das so: User können Fragen an die Politik (immer an alle Parteien gleichzeitig) stellen. Andere User können abstimmen, ob sie diese Fragen sinnvoll finden oder nicht. Sinnvolle Fragen werden jeweils an die Parteien übermittelt, die nun 24 Stunden Zeit für eine Antwort haben. Diese Antworten werden den Nutzern dann präsentiert, zunächst ohne das gezeigt wird, von welcher Partei sie kommen. Die Nutzer können die Antworten dann ebenfalls bewerten und später die Ansätze der Parteien vergleichen. Damit soll ein direkterer Dialog zwischen Bürgern und Politik entstehen, der das Vertrauen in das System erhöht und beide Seiten näher zusammenbringt. Besonders interessant an dem Ansatz finden wir das Spiel mit der Entscheidung für oder gegen die Transparenz bestimmter Informationen. Was zum Beispiel bewirkt es beim Nutzer, wenn er nicht weiß, von welcher jeweiligen Partei eine bestimmte Antwort kommt?

Markus Reuter (Deutsche Telekom)
„Wie bringt man einer künstlichen Intelligenz Ethik bei?“


Nach einer kurzen Pause wandten wir uns mit Markus Reuter von der Deutschen Telekom einem Dauerbrenner zu: der künstlichen Intelligenz. Markus arbeitet für das Customer Experience Team der Deutschen Telekom in Bonn an der Telekom Design Gallery. Dort erprobt und diskutiert das Unternehmen das Leben in der Zukunft und die Auswirkungen von Technologie auf ihre Nutzer. Implikationen von Smart Home, Smart City, Smart Assistants und anderen smarten Innovationen werden hier ganz plastisch und erlebbar in nutz- und begehbarem Raum dargestellt. Außerdem werden ständig Menschen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft eingeladen, um über relevante Themen zu diskutieren. Beim Thema Technologie befinde man sich ständig in einem Spannungsfeld zwischen Usability und anfallenden Nutzerdaten, deren Chancen und Risiken miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Ein Querschnitts-Thema dabei ist heute künstliche Intelligenz, die auch in punkto einer transparenten Gestaltung große Herausforderungen mit sich bringt. Stefan spielte auf das Beispiel von Googles AlphaGo an: Das Unternehmen verstehe selbst nicht, wie die KI eigentlich Go spielt. Wir wissen nur, dass sie es unglaublich gut kann – und sich das selbst beigebracht hat. Dieses für manche schockierende Potenzial von KI deckt auf, dass wir für den Umgang mit ihr ethische Richtlinien brauchen. Die Telekom beschäftige sich intensiv mit diesem Thema, statt einfach nur vorzupreschen und habe dazu einen konzernweiten Dialog. Mit Stakeholdern aus allen Konzernbereichen wurden neun Leitlinien für den Einsatz von KI festgehalten, bei denen auch deren Transparenz eine wichtige Rolle spielt. A) Sollen Menschen, die mit einer KI interagieren, auch wissen, dass es sich um eine KI handelt? B) Muss immer transparent bleiben, wie eine KI funktioniert? (Als Notfallplan nannte Stefan diesbezüglich auch die Maßnahme: „Abschalten“!) Mit den Leitlinien möchte die Telekom einen gesellschaftlichen Diskurs zu dem Thema anstrengen und könnte sich als Zielhorizont zum Beispiel eine Professions-Ethik für den Einsatz von KI vorstellen.

Till Martensmeier und Tanja Czech (Deutsche Bahn)
„Transparenz und Konsistenz – Reisenden-Information bei der Deutschen Bahn.“


Mit Dr. Tanja Czech und Till Martensmeier von der Deutschen Bahn wurde es wieder etwas praktischer. Die beiden arbeiten bei der Reisenden-Information der Bahn und haben es täglich mit einem System zu tun, dessen Komplexität aus einer Unmenge an Daten, Touchpoints und Technologien erwächst. Verschiedene Apps, Fahrzeuge sowie Informationssysteme für Nutzer und Mitarbeiter müssen relevante Informationen zu den Leuten bringen, die sie benötigen. In einem kleinen Exkurs führten sie uns zunächst durch Slides, die die große Menge an Zahlen verdeutlichte, mit der man es hier zu tun hat. In diesem Kontext stellten die beiden ein Projekt vor, in dem Research par excellence betrieben wurde: Ein halbes Jahr lang wurden qualitative und quantitative Studien unter Bahnkunden durchgeführt, Personas gestaltet, Ziele definiert – um letztlich die Darstellung der Verspätungszeiten (also von insgesamt vier Zahlen!) zu optimieren. Besonders interessant war das Ergebnis aus Kundensicht, nach dem ein Bedürfnis nicht nur nach Transparenz, sondern auch nach Einfachheit besteht. Diese beiden Bedürfnisse arbeiten gegeneinander, denn je mehr Informationen bereitgestellt werden, desto mehr kognitiver Aufwand ist notwendig, um sie zu verstehen. Ein Teilnehmer sagte später in der Diskussion, dass er beim Bahnfahren in der Tat ungern „kreativ“ sein müsse. Somit entsprach das Ergebnis aus UX-Sicht nicht zu hundert Prozent den Umfrageergebnissen: Die Nutzer waren sich nicht eindeutig bewusst, welche Variante bei ihnen tatsächlich am besten aufgenommen würde. Bei der gewählten Darstellung werden nun bewusst auch Informationen weggelassen. (Falls Sie es nun brennend interessiert: Vorher wurden Verspätungen schrittweise in ungefähren Angaben gezeigt: „ca. 5 Minuten“ / „ca. 10 Minuten“… Heute geschieht es minutengenau, mit einmal der geplanten Uhrzeit und daneben der tatsächlichen Ankunftszeit, die bei wenig Verspätung in grün, bei mehr in rot dargestellt wird.) Insgesamt ein tolles Beispiel dafür, was man mit guter Research erreichen kann, denn nur Wenigen ist bewusst, dass (und wann) die Bahn diese Darstellung verändert hat.

Rainer Hirt (audity e.K.)
„Transparenz & UX-Sound.“


Rainer Hirt bezeichnete sich dieses Jahr als den „Exoten“ unter unseren Speakern. Seine Agentur audity macht nämlich UX-Sound, was tatsächlich eine Spezialdisziplin ist. Er zeigte uns in einem unterhaltsamen Vortrag, wie Geräusche dazu in der Lage sind, uns Informationen zu übermitteln – und damit beispielsweise Aktionen oder den Status von Geräten transparent zu machen. Vom nostalgischen Nachrichtensound des ICQ Messengers bis zum Schubert spielenden Waschmaschinen machte er deutlich, inwiefern Audiosignale dazu in der Lage sind, Aufmerksamkeit zu erregen, Qualität zu transportieren, Informationen zu vermitteln, Identität zu stiften, Absicherung zu gewährleisten, Zwischenstände oder Abstufungen zu zeigen und mehr. Dabei führte uns Rainer auch durch einige Learnings, die im Laufe der Jahre in der Disziplin gemacht wurden. So seien viele Klänge heute subtiler und es werde auch mit vorgetäuschter Stille gearbeitet (Stichwort: Handy-Vibration), um den „Nerv-Faktor“ zu minimieren; schließlich sei es oft Gang und Gäbe, dass Menschen die Audiosignale ihrer Geräte wenn möglich auch abschalten. Rainer schloss mit der Anmerkung, dass bei intelligenteren Geräten Sounds heute teilweise obsolet werden. Hier stellt sich allerdings wieder eine Vertrauensfrage: Auch, wenn die Geräte sie nicht brauchen, um zu funktionieren, bleibt offen, ob es trotzdem sinnvoll bleibt, den Nutzern Signale zu übermitteln, die ihre Funktionsweise transparent macht.

Prof. Dr. Annika Frye
„Prozesse sichtbar machen: Transparenz, Prototyping und Interface.“


Zuletzt näherten wir uns mit Annika Frye der Frage, inwiefern wir Design als Prozess transparenter machen könnten. Annika Frye ist Designerin und Professorin an der Muthesius-Kunsthochschule Kiel, beschäftigt sich mit dem Designprozess und forscht zu Auswirkungen digitaler Produktionsprozesse auf das Design. In ihrem Beitrag kam sie zu der Frage zurück, wie wir als Menschen mit hoher Komplexität umgehen. Genauer ging es um Interfaces, die durch ihre bloße Existenz menschliche Handlungen anleiten. Dass wir dabei überhaupt nicht über Digitalität sprechen müssen, zeigte sie anhand einer herkömmlichen Bastelschere, die bereits durch die Formung ihrer Griffe Hinweise auf ihre Anwendung gibt. Das ist die Funktionslogik von Interfaces, die in der Regel darauf ausgelegt sind, Komplexität zu vereinfachen. Während das unseren Umgang mit der Welt zwar komfortabler macht, führt es jedoch auch dazu, dass ein Mensch, mit einem Endprodukt konfrontiert, keine Schnittstelle zu dessen Entstehungsprozess mehr findet. Warum ist eine Schere so geformt, wie sie geformt ist? Wer hat das warum entschieden? Ginge es anders? Antworten sind dem Nutzer nicht zugänglich. Doch das könne sich nun ändern, denn wir befinden uns im Einstieg in ein postdigitales Zeitalter, das durch Wechselwirkungen zwischen analog und digital geprägt sei. Annika Frye macht in der Design-Branche einen „Process Turn“ aus, in dem die Arbeit offener für Kunden und Nutzer wird. Dabei gehe es nicht nur darum, Prozessschritte zu verkaufen und die komplizierte Arbeit, die zu einem Endprodukt führt, sichtbar zu machen. Viel direkter könne Design für Laien direkt erlebbar gemacht werden, wie sie uns anhand von Beispielen zeigte. Eine größere Transparenz sei damit Teil der Branchenzukunft.

Diskussion auf dem Podium: Perspektiven und Kontraste

Nach den Impulsvorträgen kamen alle Speaker nochmal auf dem Podium zusammen, um in einer offenen Fragerunde mit Moderatoren und Publikum über das am Abend Gelernte zu diskutieren. Die drei interessantesten Denkansätze der Diskussion wollen wir uns hier nochmal herausgreifen. Sie bilden sehr schön das Spannungsverhältnis ab, dass Transparenz als Dimension mit sich bringt. Wir danken in dem Zusammenhang auch allen Teilnehmern aus dem Publikum für die rege Beteiligung!

Wichtigste Diskussionsthemen

Teilhabe

UX-Design überlagert die Konstruktion der Realität und verhindert, dass Menschen mit „den Dingen dahinter“ interagieren. Deren Sichtbarmachen ist aber in vielen Fällen eine Voraussetzung für echte Teilhabe. Annika Frye betonte in dem Zusammenhang, man müsse es „den Leuten nicht immer so einfach wie möglich“ machen und fragte, ob die kognitiven Mittel des Menschen wirklich nicht ausreichten, um mit etwas mehr Komplexität zurechtzukommen. Andererseits, hielt Till Martensmeier dagegen, wolle „am Gleis niemand für denselben Zug drei Uhrzeiten sehen“ nur damit er möglichst viele Informationen zur Verfügung hat. Auch zu viel Komplexität könne bei der Entscheidungsfindung hemmen. Die relevanten Informationen müssten transparent zur Verfügung stehen, nicht alle.

Gestaltung

Auch Intransparenz kann unsere Entscheidungsfindungen unterstützen – ein zweiter Schwerpunkt der Diskussion. So erinnerte sich Rainer Hirt and die Wepublic-Maßnahme, Nutzern gezielt die Information vorzuenthalten, wessen Antwort sie gerade lesen. Er stellte aus seiner Sicht als UX-Sound-Designer analog die Frage in den Raum, ob zum Beispiel in einem Operationssaal wirklich jeder alle Geräusche hören müsse, oder ob es vielleicht sinnvoll wäre, manchen Spezialisten nur die für sie relevanten Geräusche zur Verfügung zu stellen. Transparenz kann willkürlich gesetzt werden und wir erinnerten uns an Stefan Bergheims Arbeitsanweisung, wir müssten eben entscheiden, welche Dinge und Personen wir wie und für wen transparent machen.

Verantwortung

Ein drittes Thema beschäftigte sich mit dem Spektrum der Verantwortung. Markus Reuter überlegte, wer eigentlich noch die Verantwortung trägt, wenn sich in einer Black Box, etwa einer künstlichen Intelligenz, Regeln autonom entwickeln. Ist Transparenz alleine hier noch in der Lage, diese Frage zu beantworten? Andererseits machte Human Nagafi das Szenario auf, dass in völlig offenen Organisationen, in denen alle agil miteinander interagieren – sozusagen in einem Schwarm-Prozess – Verantwortung ebenfalls zu einer irrelevanten Kategorie werden könnte. Wenn Verantwortung aber immer weiter diffundiert, bleibt die Frage, welche Kategorien wir in Zukunft nutzen sollten, um Ergebnisse zu bewerten.

Danke und bis zum nächsten Mal!

Auch dieses Jahr hat uns der WUD wieder jede Menge Spaß gemacht. Wir danken Ihnen allen für Ihr Kommen und die vielen spannenden Diskussionsbeiträge. Außerdem danken wir unseren Mitorganisatoren der DB Systel, unserem Partner, dem Rat für Formgebung, sowie dem Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung für die Förderung der Veranstaltung und der German UPA für die Koordination des World Usability Day in Deutschland.

Falls Sie Feedback oder Verbesserungsvorschläge zum World Usability Day Frankfurt haben, schicken Sie uns gerne eine E-Mail oder zwischtern Sie zum #wudffm auf Twitter. Wir sind gespannt auf Ihre Impulse und freuen uns schon auf den nächsten World Usability Day am 14.11.2019.