World Industrial Design Day Frankfurt 2020

Alles neu? Der World Industrial Design Day Frankfurt 2020

Woröd Industrial Design Day Frankfurt 2020 – Einführung durch Jochen Denzinger und Ulf Kilian
Zum zweiten World Industrial Design Day Frankfurt unter dem Vorzeichen von SARS-CoV-2 fanden sich am 1.10. rund 100 Gäste online und im Frankfurter Kunstverein Familie Montez ein, um in einem hybriden Format über Werte und Versprechen von Gestaltung in der Welt heute nachzudenken. Thema des Abends: „Das neue Neu. Chance oder wishful thinking?“

 

In diesem Jahr lag der Schwerpunkt unserer Frankfurter Ausgabe des World Industrial Design Day (WIDD) auf der aktuell besonderen Situation, ausgelöst durch SARS-CoV-2. Unter dem Motto: „Das neue Neu. Chance oder wishful thinking?“ trafen am 1. Oktober im Kunstverein Lola Montez in Frankfurt fünf Referenten auf ein Publikum von knapp 40 Gestaltern, Produktverantwortlichen und Interessierten. Per Stream schalteten sich zusätzlich rund 60 weitere Gäste aus aller Welt zu – auch zwei der Referenten traten digital auf.

Initiatoren des WIDD Frankfurt waren, wie im vergangenen Jahr, Iconstorm und der Deutsche Werkbund Hessen. Ulf Kilian (Deutscher Werkbund Hessen) und Jochen Denzinger (Iconstorm) eint das Interesse an der Frage, was unter heutigen Vorzeichen ein „gutes“ Produkt sei und welche Rolle Designer*innen heute haben, haben können, wollen oder sollen.

Die Pandemie offenbart neue Möglichkeiten

Die politische und wirtschaftliche Dimension des Abends adressieren Kilian und Denzinger schon in ihrer Einleitung. Anknüpfungspunkt ist unter anderem die jüngste Ankündigung von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer State-of-the-Union Rede ein „neues europäisches Bauhaus“ im Rahmen ihres „Green Deals“ aufzubauen, mit dem Ziel transdisziplinäre Zusammenarbeit zu ermöglichen und „dem Systemwandel ein Gesicht zu verleihen“.

Wirklich bemerkenswert erscheint hier, dass auf höchster politischer Ebene mit dem Bauhaus eine Metapher gefunden wird, die originär europäisch ist, den Bezug zu einem verantwortungsvollen Design herstellt und von den gängigen Bildern der Silicon Valley-Garage abweicht.

Anhand verschiedener Phänomene wirft die Eröffnungsrede ein Schlaglicht auf die Rolle von Design und Innovation in der Pandemie. „Zum Status Quo Ante werden wir nicht zurückkehren“, zeigt sich Iconstorms  Jochen Denzinger überzeugt. „Die Pandemie hat uns gezeigt, dass Städte ohne Autos ebenso möglich sind, wie das Arbeiten von Zuhause. Die Forderungen von Fridays-for-Future zur Einhaltung der Pariser Verträge, sind damit keine Frage des Könnens, sondern eine des Wollens geworden“, so Jochen.

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Ulf Kilian und Jochen Denzinger führen durch das Programm und in das Thema ein.

Resiliente Designwirtschaft?

Rolf Krämer, Leiter des für die Designwirtschaft zuständigen Referats im Wirtschaftsministerium, der seine Freude über die Präsenzveranstaltung in dieser besonderen Zeit zum Ausdruck bringt, geht in seiner Begrüßung auf die Situation der Kreativwirtschaft ein. Normalerweise präsentiere er die aktuellen Zahlen, diese erscheinen aber im Augenblick obsolet. Interessant sei aber, dass die Rückmeldung von den Designunternehmer*innern weit weniger schlecht ausfalle, als in anderen Branchen der Kreativwirtschaft. Er habe den Eindruck, dass die Designwirtschaft insgesamt mit der Krise recht gut umgehen könne.

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Ulf Kilian / Jochen Denzinger, Rolf Krämer und Brigitte Wolf.

„Das neue Neu ist nicht ganz neu.“

Die erste Referentin des Abends wird aus Kairo zugeschaltet: Unter ihrem ganz persönlichen Vortragstitel „Das neue Neu ist nicht ganz neu“ schildert Prof. Dr. Brigitte Wolf (German University in Cairo) die, wie sie selbst sagt „ägyptische Variante der Pandemie“ und leitet Chancen für die Zukunft ab : „Der Lockdown hat unserer Umwelt gut getan, der ökologische Fußabdruck reduzierte sich um 9,3 Prozent, aber die Umwelt würde sich freuen, wenn dieser Trend, der sich hier abzeichnet, weitergeht und wir unserer Nachwelt noch ein paar Ressourcen überlassen. Mit dem Bewusstsein, dass ein nachhaltiges Wirtschaftssystem auf den drei Säulen Umwelt, Gesellschaft und Ökonomie aufbaut, sehe ich eine Chance für viele neue, innovative Geschäftsmodelle, Dienstleistungen, Lern- und Lehrformate, Produkte und die Digitalisierung wird uns dabei helfen.“

 

Design hat eine Schlüsselrolle in der Gestaltung einer sozialen und ökologischen Transformation!“

Innovationsberaterin Svenja Bickert-Appleby (New Order Design, Wiesbaden) sieht im Kontext von Transformation ein allgemeines Designverständnis für zentral – ein Designverständnis in der Mitte unserer Gesellschaft – statt ausschließlich die spezifischen Designfähigkeiten zur Umsetzung professioneller Designer. Es geht um ein grundlegendes Designverständnis bzw. eine Designkompetenz.

Ein breites gesellschaftliches Designverständnis ermöglicht, als kritischer Bürger partizipieren zu können und Lösungen besser beurteilen zu können – bewusste Entscheidungen gegen oder für (eine nicht nachhaltige Gestaltung) treffen zu können, Ideen, Konzepte entwickeln und umsetzen zu können. Wenn dieses Verständnis – dieser Kulturwandel – in der Mitte der Gesellschaft geschaffen ist, dann ebnet das den Weg für Innovationen.

Im Hinblick auf die Theorie des Transformationsprozesses schlussfolgert Bickert-Appleby, dass der Ausruf von EU Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bereits als ein Teil einer gesellschaftlichen Veränderung bewertet werden könnte.

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Brigitte Zypries, Svenja Bickert-Appleby und Ulf Kilian.

„Design Driven Innovation ist heute unbedingt unabdingbar.“

Ex-Wirtschafts- und Justizministerin Brigitte Zypries hat den Blick auf das große Ganze: „Design geht heute Hand in Hand mit Innovation, was noch nicht lange so ist.“ Sie zeigt die Entwicklung bis zur heutigen Industrie 4.0 auf, die Deutschland nun vor größte Herausforderungen stellt. „Die Pandemie hat unseren Blick geschärft und im Detail gezeigt, wo Nachholbedarf besteht (Beispiel: stationärer EInzelhandel ohne Online-Angebot). In der digitalen Welt gelten andere Spielregeln. Diese neue Welt ist viel kundenzentrierter, die Kunden reagieren schneller, können sich über soziale Netzwerke äußern, wollen schnell bedient werden und ihre Ideen einbringen. Die Unternehmen müssen sich darauf einrichten“, erklärt Zypries, die divers aufgestellte Führungsteams fordert. Sie hat erkannt, dass Design ein Innovationstreiber ist, der Deutschland als Wirtschaftsstandort sichert und sieht große Potentiale für eine designgetriebene Start-up-Landschaft: „Ich bin mir sicher, dass auch Frau Bickert-Appleby ihre Kunden im Hinblick auf die Funktionsweise einer Design Driven Innovation berät. Es gibt bereits einige Unternehmen in Deutschland, die das schon leben, das Unternehmen addidas ist beispielsweise unter den ersten zehn innovativsten Unternehmen der Welt.“

 

Design ist tot. Es lebe Design?

„Kim Kardeshian West, deren persönliche Botschaften von 188 Millionen Menschen weltweit über Instagram abonniert werden (die auflagenstärksten Tageszeitungen haben nur 150 Millionen Käufer), hatte angekündigt, einen Tag lang Instagram zu boykottieren. Es sei Ausdruck ihres Protests dagegen, dass die Verbreitung von Hass, Propaganda und Falschinformationen auf Instagram vom Mutterkonzern Facebook zugelassen werde“, stellt Prof. Dr. René Spitz (Rheinische Fachhochschule Köln) in den Raum. „Meine Damen und Herren, Design hat uns hier her gebracht, aber ab sofort kommen wir mit Design nicht mehr weiter. Wir brauchen neue Formen für unsere neue Wirklichkeit“, konstatiert Spitz in seinem Impuls und weist darauf hin, dass es in der gegenwärtigen Gesellschaft neue Situationen gibt, für die noch keine Begriffe vorhanden sind. Design sei also ein Begriff für eine alte, vergangene Wirklichkeit. In der Moderne hat sich die Welt in eine verwandelt, deren Gegenstände Design sind, deren Botschaften von Designern in Form gebracht werden. „Für die Zukunft, müssen wir Fragen jenseits etablierter Denkmuster und verfestigter Begriffe stellen und die Gestaltung einer humanen Welt nicht denjenigen überlassen, die für Design nichts übrig haben“, fordert Spitz.

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René Spitz, Stephan Ott, Brigitte Wolf / Jochen Denzinger und Brigitte Zypries / Stephan Ott.

Designer haben die besten Voraussetzungen, einen wichtigen Beitrag für das neue Neu leisten.

Stephan Ott hat im März das beim Rat für Formgebung angesiedelte Institute for Design Research and Appliance (IfDRA) gegründet, um alle Protagonisten der Designforschung zusammenzubringen. In Vorbereitung auf den Abend des WIDD hat er sich mit der Frage auseinandergesetzt, was das neue Neu ist. Drei Bereiche hält er in diesem Zusammenhang für wichtig: „Ich plädiere dafür, Strukturanalyse, Techno(philo)sophie und Gegenwartsexpertisein das Curriculum aller Studiengänge, nicht nur denen des Designs, aufzunehmen“, so Ott. Designer könnten mit ihrer an den Bedürfnissen der Menschen orientierten Arbeit auf allen drei Feldern einen Beitrag leisten, aber es würde oftmals noch das Bewusstsein dafür fehlen.

 

Damit entlässt uns der diesjährige WIDD in eine ungewisse Zukunft. Man könnte sich jetzt Gedanken darüber machen, in welch tiefgreifender Transformation unsere Gesellschaft steckt. Wie man die durch die Pandemie frisch entlarvten Probleme unserer Unternehmen lösen kann. Und, wie man ein allumfassendes Designverständnis entwickeln kann. Man könnte sich aber auch ins Bett legen, die Augen schließen und abwarten. Kurzfristig sind beide Lösungen okay, langfristig wird uns aber nur die erste voranbringen.

Der Stream zur Veranstaltung wurde aufgezeichnet und ist hier abrufbar.

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Leider nicht per Zoom übertragbar – Netzwerken und Diskussionen nach den Vorträgen im Kunstverein Montez bei einem Glas Wein.

Hintergrund

Von der World Design Organisation (WDO) 2007 ins Leben gerufen, kommen zum WIDD einmal im Jahr überall auf der Welt Design-Interessierte und Designer zusammen, um sich zur wandelnden Rolle der Profession und ihren Beitrag zu einer nachhaltigeren Gesellschaft und Wirtschaft auszutauschen.

Seit 2019 organisieren die Frankfurter Agentur für strategisches Design, Iconstorm und der Deutsche Werkbund Hessen den WIDD Frankfurt, unterstützt vom Land Hessen. Ein weiterer Partner ist der Verband Deutscher Industrie Designer.