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Nachhaltige Innovation gestalten – ein Rückblick auf die Expert*innenrunde im Oktober

Im Oktober traf sich auf der Frankfurter Buchmesse eine heterogene Runde, um Aspekte einer werteorientierten Wirtschaft zu diskutieren.

Zusammen mit dem Deutschen Werkbund Hessen organisierten wir am 17. Oktober auf Einladung der Hessen Agentur im Rahmen der ARTS+ eine Expert*innenrunde, um die Grundlagen einer werteorientierten Wirtschaft und die Rolle von Gestaltung zu diskutieren.

Damit knüpfte die Runde nahtlos an das Themenspektrum des World Industrial Design Day Frankfurt an, den wir im Juni veranstaltet hatten.

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Ulf Kilian (Werkbund) und Jochen Denzinger (Iconstorm) initiierten und moderierten die Diskussion. Rechts oben: Stephan Ott und Olivia Dahlem. Rechts unten: Susanne Stöck.

Die Diskussion wurde gemeinsam von Ulf Kilian und Jochen Denzinger geleitet. Der Einladung folgten zwölf Expert*innen aus Hochschulen, Unternehmen, Ministerien und Kulturinstitutionen:

  • Monika Benz, Hessisches Ministerium der Finanzen, Wiesbaden
  • Olivia Dahlem, Coco Lores, Frankfurt
  • Carsten Dietsche, Egelsbach
  • Peter Eckart, HfG Offenbach & Unit Design, Offenbach und Frankfurt
  • Maria Ertl, Hessisches Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Wiesbaden
  • Marcel Glapski, Arnold AG, Friedrichsdorf
  • Joe Kaiser, re:nu, Schlangenbad-Bärstad
  • Stephan Ott, form, Frankfurt
  • Kai Rosenstein, Kai Rosenstein Designkultur & Staatstheater Darmstadt, Darmstadt
  • Dr. Gunnar Stevens, Uni Siegen, Siegen
  • Susanne Stöck, HA Hessen Agentur, Wiesbaden
  • Dr. Sabine Zimmermann, Hochschule Darmstadt, Fachbereich Gestaltung, Darmstadt
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Kai Rosenstein, Monika Benz, Sabine Zimmermann, Peter Eckart & Marcel Glapski, Olivia Dahlem & Gunnar Stevens, Carsten Dietsche, Gunnar Stevens, Stephan Ott (im Uhrzeigersinn).

Nachhaltige Innovation gestalten.

Eine erste Positionsbestimmung.

Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen – Thunberg, Trump etc. – steht die Notwendigkeit von Nachhaltigkeit heute außer Frage. Bei einem “Weiter so” steuern wir aktuell eher auf eine Erwärmung um 4°C als um 2°C zu. Und die Lage wird sich kaum entschärfen, wenn unser derzeitiges Konsumverhalten den Menschen im globalen Süden als Vorbild dient. Was können wir hier in Hessen tun?

Der Begriff der Nachhaltigkeit umfasst heute drei Ebenen: die ökologische, die soziale und die wirtschaftliche.

Wenn wir die Gestaltung von Produkten als ein Mittel verstehen, das Nutzung bedingt, so können wir die ökologische Seite nicht nur durch Auswahl und Einsatz von Materialien und Technologien berücksichtigen, sondern durch die Gestaltung selbst Phänomene wie psychologische Obsoleszenz vermeiden und eine längere Nutzungsdauer ermöglichen. Ein Umstieg vom SUV auf den ÖPNV beispielsweise wird nur über eine verbesserte Wertschätzung des öffentlichen Raums und Akzeptanz bei den Menschen gelingen. Gefragt sind also Designqualitäten und neue Zeichen. Tofu in Würstchenform als Fleischersatz mag Einzelne mitnehmen. Zu hinterfragen wäre jedoch, ob wir neue, bessere, wirklich sichtbare Zeichen für neues Essen benötigen.

Konsumenten sind verunsichert: Sie wissen, dass ihr Lebensstil massive Probleme aufwirft, allerdings scheinen die Alternativen bisher weder klar noch konkret.

Die Komplexität der Zusammenhänge überfordert und führt zu Abwehrreaktionen einer- und Rebound-Effekten andererseits.

Auch der aktuelle Innovationsbegriff in der Wirtschaft scheint problematisch. Ist nur innovativ, was neu ist und einen bestimmten Umsatz generiert? In diesem Sinne steht der in der Wirtschaft bestehende Innovationsbegriff dem der Nachhaltigkeit diametral entgegen. Interessant scheint die Tatsache, dass der Einbezug ethischer Grundsätze die Anzahl potentieller neuer Geschäftsideen eher vergrößert als mindert.

Inwieweit der Gesetzgeber an diesem Punkt regulierend wirkt, ist sicher im jeweiligen Kontext zu klären – offensichtlich scheint aber: auch Politik will “gestalten”.

Nachhaltige Innovation, das zeigte die Runde, braucht vor allem Ansätze, die Verbrauchern Orientierung bieten und im Umgang mit Komplexität unterstützen. Nachhaltige Innovation erfordert verantwortliches Handeln in Entwicklung und Gestaltung, denn wir sind ebenso Teil des Problems wie der Lösung. Nachhaltiges Design schließlich erfordert Produkte, die in ihrem Funktionsversprechen nicht schlechter sind als die weniger nachhaltigen.

Design hat hier das Potenzial zu integrieren, Partizipation zu ermöglichen und die Perspektive auf eine menschenzentrierte Entwicklung sozio-technischer Systeme zu legen. Dies erfolgt zunehmend auch dadurch, dass es im Sinne des “Social Design” nicht nur selbst entwickelt, sondern auch zunehmend die Infrastruktur für Entwicklung erzeugt und kulturell wirkt.

 

Ausblick

Für eine Vertiefung und die Ausgestaltung zu einem eigenen Format entwickelte die Runde erste Ideen und Ansätze. Für 2020 planen wir, das Thema zusammen mit dem Werkbund weiter anzugehen.

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Peter Eckart & Marcel Glapski, Kai Rosenstein, Ulf Kilian & Jochen Denzinger, Joe Kaiser & Maria Ertl (im Uhrzeigersinn).