Das Copenhagen Techfestival: Eine neue Debatte über Technologie

Menschliche Antworten auf technische Fragen? Das Copenhagen Techfestival

Copenhagen Techfestival Title
Vom 5. bis 9. September besuchte Iconstorm Designerin Eva Chu das Copenhagen Techfestival. Das Event setzt sich zum Ziel, eine neue Diskussion über Technologie auf den Tisch zu bringen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Eva berichtet in diesem Post über ihre Eindrücke aus Dänemark.

Das Copenhagen Techfestival ist eine erfrischende Ergänzung zum weltweiten Line-up an Events rund um Innovation und Tech. Im nüchternen Mitteleuropa gelegen lädt es seine Besucher zu einem neuen Diskurs über Menschen und Technologie ein. In seinem Leitbild sagen die Organisatoren, dass sie von der Business-zentrierten Kultur des Silicon Valley, von dem Innovationshype und der Angst vor künstlicher Intelligenz abrücken wollen; stattdessen sollen „menschliche Antworten“ auf den technologischen Fortschritt gefunden werden. Wichtig ist außerdem, dass sich hier jeder eingeladen fühlen soll mitzumachen: Deshalb kosten die Tickets für die fünf Tage auch nur 29 Euro. Technologie prägt das Leben aller Menschen, daher sollte jeder die Möglichkeit haben, die Technologie zu gestalten.

Als das Techfestival 2017 zum ersten Mal stattfand, lockte diese Haltung 16.000 Menschen aus aller Welt nach Kopenhagen. Auch mein eigenes Interesse wurde durch sie geweckt, schon deshalb weil die Ideen der Community Iconstorms Design-Philosophie sehr ähnlich sind. Aus diesem Grund habe ich vom 5. bis 9. September Dänemark besucht, um am Techfestival 2018 teilzunehmen.

Die Menschen dazu zu bringen, kritisch darüber nachzudenken, warum wir Technologie einsetzen, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Techfestivals. Im Video reflektieren Gäste und Organisatoren diesen Gedanken.

We are often fascinated with all the things we can do. We often forget to stop and think why we are doing it and what will be the effect not just on our immediate lives, but also on the generations to come.
Maia Kahlke Lorentzen (Critical thinking. No hype. Techfestival.)

Der Copenhagen Letter: Ein Aufruf zu Menschheits-zentriertem Design

Beim Techfestival 2017 trafen sich 150 Menschen in einer 48-stündigen Sitzung, um das zu formulieren, was heute als The Copenhagen Letter on Tech bekannt ist. Es ist ein offener Brief an alle, die heute im Bereich Design arbeiten. Der Brief stellt die heutigen „Best Practices“ in diesem Bereich in Frage und fordert von uns auf, Verantwortung zu übernehmen und die Bedürfnisse des Menschen über die der Wirtschaft zu stellen.

Bei Iconstorm stimmen wir dem zwar nicht zu 100 Prozent zu, denn wir denken, dass gerade ein sinnvolles Geschäftsmodell integraler Bestandteil der Verbreitung von Innovationen ist. Aber die fünf Kernideen des Briefs sind definitiv relevant in einer Welt, in der es manchmal schwer ist zu beurteilen, ob die Gesellschaften die Technologie steuern – oder umgekehrt.

 

  • Der Brief fordert unter anderem eine transparentere und damit vertrauenswürdigere Technologie, ein Thema, das im Mittelpunkt unseres diesjährigen World Usability Day in Frankfurt steht.
  • Eng damit verbunden ist die Idee, den Designprozess für Menschen zu öffnen, denen Wissen oder Zugang zum Feld fehlt. Der Anspruch ist es, nicht nur für den Menschen zu gestalten, sondern auch mit ihm.
  • Und drittens ist da die Aufforderung, vom menschenzentrierten zum menschenzentrierten Design überzugehen. In dem Brief sehen die Autoren moralische Implikationen hinter dieser Formulierung; aber zu berücksichtigen, inwieweit sich der menschliche Kontext aufgrund neuer Erfindungen ändern kann, ist eigentlich eine wichtige Designfrage. (Felix hat dazu vor Kurzem einen Artikel hier auf dem Blog veröffentlicht.)

 

Meine Highlights: AI im Gesundheitwesen, Digital Well-being und Kochen ohne Licht

Mit diesen Ideen im Hinterkopf war ich sehr interessiert zu sehen, was mich in Kopenhagen erwarten würde. Da es immer schwierig ist, ein Event mit über 200 Sessions und 300 Speakern zusammenzufassen, konzentriere ich mich hier nur auf meine persönlichen Highlights aus Dänemark. (Ehrlicherweise könnte ich für jedes davon einen eigenen Post veröffentlichen…)

 

AI im Gesundheitswesen: Assistierte Diagnosen

Am ersten Tag besuchte ich zwei Sessions zu einem Thema, über das wir in der Agentur viel sprechen: Künstliche Intelligenz. Die Sessions wurden von Mitarbeitern des LEO Innovation Lab moderiert. Sie haben eine App entwickelt, die ihnen Nutzern hilft, Hautkrankheitent zu beobachten und im Laufe der Zeit Reaktionen auf deren Behandlung zu tracken. Grundsätzlich machen die Anwender dazu regelmäßig Fotos mit ihrem Telefon, die dann verglichen werden können. Die App heißt imagine und steht bei Interesse zum Download bereit. Derzeit versucht das Unternehmen, neue Anwendungsfälle für die App im Gesundheitswesen zu finden.

Anscheinend ist die User Journey von Patienten in Dänemark sehr kompliziert und es braucht viele Termine, um zum richtigen Arzt zu gelangen. Die Idee ist es nun, diese Komplexität durch KI-gesteuerte Analysen zu vereinfachen, die Behandlungen oder den richtigen Spezialisten für eine bestimmte Krankheit vorschlagen können. Während das Unternehmen dieses Thema in einer Keynote vorstellte, ging es in der zweiten Session darum, Ideen zu entwickeln, wie eine solche Anwendung der App möglich sein könnte. Es gibt viele offene Fragen zu dem Projekt, zum Beispiel inwiefern die Technologie in die Arbeit von Ärzten bzw. die Behandlung von Patienten eingebunden werden kann, wie genügend Daten gesammelt werden können, um die KI zu trainieren, und wie sie in den stark regulierten Bereich der Medizintechnik eingeführt werden kann.

Nice Building in Copenhagen
Kopenhagen ist als sehr interessante Stadt und kulturelles Zentrum super geeignet für eine Tech-Veranstaltung.

Keynote zu künstlicher Intelligenz bei der Session vom LEO Innovation Lab auf dem Copenhagen Techfestival.
Keynote mit dem LEO Innovation Lab zu AI-gestützter Diagnose im Gesundheitswesen.

Designer Summit über „Digital Well-being“

Ein weiteres interessantes Event war der ganztägige Designer Summit, der vom Google-Experten für strategisches Design Phillip Battin veranstaltet wurde. Dort diskutierten wir die Auswirkungen, die ein übermäßiger und gedankenloser Konsum digitaler Medien auf unser Wohlbefinden hat. Heute surfen Menschen stundenlang auf reddit oder Facebook, binge-watchen Fernsehserien, YouTube Videos und Twitch-Streams… und das meist ohne ein tieferes Bewusstsein dafür, was sie gerade eigentlich tun.

Dieses Verhalten ist designgetrieben: Moderne Technik ist darauf ausgerichtet, dem Nutzer alles so komfortabel wie möglich zu machen, uns mit den richtigen Inhalten zur richtigen Zeit zu versorgen, ohne dass wir etwas dafür tun müssen. Depressionen, Sucht sowie mangelndes Verständnis darüber, wie diese Dienste, mit denen wir da interagieren,  überhaupt funktionieren, sind oft die Folge. Während des Summits diskutierten wir Möglichkeiten, Inhalte so aufzubereiten, dass das ein aktives Auseinandersetzen mit den eigenen Handlungen nicht einschränken, sondern fördern.

Wird eine achtsamere Interaktion helfen, negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit zu beheben? Und wie können wir ein komfortables Nutzererlebnis gestalten, das keine negative Nebenwirkungen erzeugt? Besonders die zweite Frage könnte für die Zukunft des UX-Designs sehr wichtig sein.

Talking Digital Well-being at Google's Designer Summit. Exhausting and inspiring day!
Diskussion im Freien über Digital Well-being bei Google’s Designer Summit. Ein anstrengender und inspirierender Tag.

Ideation zu künstlicher Intelligenz bei der Session vom LEO Innovation Lab.
Brainstorming beim Design Jam mit CIID und Cookpad.

Wie könnten wir…. in einer Welt ohne natürliche Energieressourcen kochen?

Ein weiteres Highlight war für mich der Design Jam , den das Copenhagen Institute of Interaction Design (CIID) und Cookpad ausrichteten. Dieser vierstündige Designsprint war ein schönes Beispiel dafür, wie man kreatives Denken anregen kann, indem man mit den richtigen Fragen führt. In der Sitzung ging es darum, wie wir in Zukunft unser Essen kochen könnten; die Teilnehmer wurden in Teams eingeteilt und aufgefordert, Lösungen für hypothetische Szenarien zu entwerfen. Um es vorsichtig auszudrücken, diese Session war sehr kreativ und es wurde in einer rasenden Geschwindigkeit gearbeitet. 

Meine Gruppe musste eine Antwort auf die folgende Frage finden: Wie könnten wir unsere Nahrung in einer Welt ohne Licht und natürliche Energieressourcen kochen? Wir hatten weniger als vier Stunden Zeit, um eine Idee zu entwickeln, einen Prototyp zu erstellen, einen kleinen Film (den ich auf meinem Handy geschnitten habe!) darüber zu drehen, wie die Idee funktionieren könnte, und schließlich die Ergebnisse den anderen Teilnehmern zu präsentieren. Das war nicht nur eine spaßige Angelegenheit, sondern die Übung zeigte auch, wie wir zu unterschiedlichsten Ideen gelangen, wenn es darum geht, uns einem veränderten lebensweltlichen Kontext anzupassen.

Techfestival Atmosphere Wine
Unsere Belohnung nach harter Arbeit beim Design Jam. Dankeschön!

Fazit

Ich würde sagen, dass das Copenhagen Techfestival definitiv einen Besuch wert ist! Die Richtung, in die dieses neue Festival geht, könnte ein wichtiges Gegengewicht zur aktuellen Innovationskultur sein. Den Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen, eröffnet eine neue Perspektive, die für Designer sehr wichtig ist; aber ehrlich gesagt ist sie das für alle, nicht nur für Leute, die mit Technologie arbeiten.

Es ist sehr wichtig, hin und wieder die eigene Filterblase zu verlassen und Ideen mit Menschen aus anderen Feldern auszutauschen. Das hilft, alte Themen auf eine neue Art zu betrachten. Eine offene, neugierige Haltung kann uns helfen, verantwortungsbewusst zu handeln und das „Humanity-centered Design“ zu realisieren, das im Copenhagen Letter gefordert wird. Letztendlich bin ich froh, dass ich es geschafft habe, das Techfestival zu besuchen und würde jedem empfehlen, das nächstes Jahr auch zu tun.