SXSW Rückblick von Jochen Denzinger

Die große Sause: Rückblick auf die SXSW 2018

Titelbild: SXSW-Recap Jochen Denziger
Jochen Denzingers ganz persönliche Eindrücke von seinem Besuch auf der SXSW in Texas. – If you can’t make it good, make it… big?

2.000 Sessions und Panels, 5.000 Sprecher und Referenten, über 70.000 Konferenzbesucher (davon 1.200 aus Deutschland), gut 25 Veranstaltungsorte und über 1.000 Partys, dazu 8.500 Meilen Distanz, 6 Stunden Zeitunterschied und das Ganze aufgetischt in knapp einer Woche im März – auf diese Zahlen lässt sich die SXSW reduzieren.

Ein paar Tage sind seit meinem Trip, der mein erster Besuch war, nun schon vergangen – es ist also Zeit, sich an einem persönlichen Fazit zu versuchen und der Eindrücke meiner ersten South-by Herr zu werden.

Bei vielen Vorträgen war man nah dran an den Referenten. Hier: Molly Nix von Uber.

Kleine Buden und Wolkenkratzer. Austins ganz besonderer Charme liegt in seiner Diversität.

SXSW in Zahlen

SXSW: Was soll das eigentlich sein?

Alleine die Frage, was die SXSW eigentlich sei, wirft Fragen auf – Tech-Konferenz, Messe, Filmfest, Musikfestival, Gaming Convention – alles zusammen trifft es, dabei ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Die SXSW startete zunächst 1986 als Musikfestival. Das Cluster von Veranstaltungen verteilt sich über die gesamte Innenstadt und macht in Form von Konferenzen, Festivals, einer Trade Show und unzähligen Off-Events Austin im Frühjahr zum Mittelpunkt der gesamten, sich selbst feiernden Medienbranche. Musik, Film, Interaction, Design, Innovation, Marketing und Technologiethemen geben der South by Southwest eine kaum zu greifende Bandbreite.

Diese Wunderkammer überspannte in diesem Jahr alles vom Batmobil zum Raketenantrieb, von Content Strategien, über Robotik, die Küche der Zukunft bis hin zu AI, Blockchain und AR/VR. Von Steven Spielberg, über U-God vom Wu-Tang Clan, Elon Musk, Steven Pinker bis hin zu Bernie Sanders reichte die Bandbreite der Redner…

 

Trending Topics

Keynotes von Rednern wie Bernie Sanders, Arnold Schwarzenegger, Melinda Gates und dem Londoner Bürgermeister Sadiq Khan verwiesen im Trump-Amerika auf die politische und gesellschaftliche Dimension der Tech-Industrien. Diversity, Women in Tech und Social Responsibility waren zentrale Themen, die ausführlich in zahlreichen Panels diskutiert wurden.

Insgesamt aber fehlte ein übergreifender Diskurs über das Thema Innovation selbst. Das verwundert nicht wirklich – „Showcasing“ und Vermarktung empfand ich als großen Treiber dieser SXSW. Ein Eindruck, den ein Blick in die Statistik stützt – „Marketing/ Advertising“ stellte 2017 als Branche die stärkste Besuchergruppe („Computer/ Technology“ stand an 5., „Design“ an 9. Position).

In den AI-Panels zeigte sich insgesamt wenig technische Tiefe und differenzierte Trennschärfe. Semantic Web? AI. Algorithmus? AI. Datenauswertung? Auch AI.Jochen Denzinger

Die technischen Topthemen in diesem Jahr waren zweifelsfrei Blockchain, Artificial Intelligence (AI) und Augmented bzw. Virtual Reality (AR/ VR).

In den AI-Panels, die ich – vor dem Hintergrund meines eigenen Panels zu AI und Design mit Marja Annecke (SinnerSchrader Swipe), Kristina Bonitz (SinnerSchrader) und Ric Scheuss (TRO) im German Haus – sehen konnte, zeigte sich insgesamt wenig technische Tiefe und differenzierte Trennschärfe. Semantic Web? AI. Algorithmus? AI. Datenauswertung? Auch AI.

Guerilla-Werbung für den Standort des German Haus.

AI, AR, VR waren in der deutschen Behausung die Top-Themen.

Klar, es sind auch Größen wie Ray Kurzweil da, der das Thema in seiner Vielschichtigkeit diskutierte und den AI-Hype zu relativieren wusste. Gerade bei den kleineren Panels aber wird viel heiße Luft bewegt, der Erkenntnisgewinn bleibt gering und meine Erwartungen werden hier kaum erfüllt.

Ein anderes Bespiel: Ein Panel zur Küche der Zukunft („Meet the Kitchen of the Future: Trends in Food Tech“) mit drei Referenten dreht sich so um wenig mehr, als das, was als State-of-the Art bereits am Markt ist. Das also bspw. Mieles Dialoggarer (letztes Jahr vorgestellt) in den USA erst 2019 auf den Markt kommen soll, mag vielleicht die Zukunft der US-Küche betreffen, gibt aber weder Einblicke in anstehende technische Entwicklungen noch in sich verändernde Verhaltens- oder Konsummuster und ist alles andere als interessant.

Ein Muster, dass sich auch in anderen Vorträgen zeigte.

 

Der Elefant im Raum

Neben der fehlenden durchgängigen Qualität der Referenten war eine gewisse positivistische und wenig kritische Grundhaltung augenfällig, die mir auf anderen Fachkonferenzen so eigentlich noch nicht aufgefallen war.

Facebook’s VP of Product Design Margaret Stewart ging in ihrem ebenso eloquenten wie spannenden Vortrag „Able, Allowed, Should – Navigating Modern Tech Ethics“ der Frage nach dem Machbaren und Wünschenswerten und der Rolle des Design nach. Sie gab Einblick in die Entwicklung bei Facebook und betonte vor allem die Herausforderungen der Skalierbarkeit – Design für 100 Millionen Nutzer folgt eigenen Regeln. An Einzelbeispielen betonte sie die soziale Verantwortung des Designs und verwies auf das Vorgehen, das auch den Missbrauch oder den Fehler einbezieht – Stewart nannte den Ansatz „(Mis)-UseCases“.

Nun fand der Talk vor der Cambridge-Analytica-Affäre statt, aber ein paar kleinere Probleme mit Informationsblasen und Missbrauch des Targeting durch ein paar Russen gab es ja auch schon im Vorfeld. Dazu (abgesehen von der Einleitung : „Wir hatten ein hartes Jahr…“) – kein weiterer Bezug im Vortrag und auch keine diesbezüglichen Fragen aus dem Publikum. Und das trotz der politischen Dimension der SXSW wie des Vortrags selbst, der sich ja nun Ethik und soziale Verantwortung auf die Fahnen geschrieben hatte.

Ein Muster, dass sich auch bei Ubers Molly Nix (UX Design Lead, Self-Driving Uber) zeigte, die zu Ubers Designaktivitäten im Bereich der autonomen Fahrzeuge sprach („How Uber Designs for a Self-Driving Future“). Auch hier war der Talk wenige Tage vor der Katastrophe, dem tödlichen Unfall in Arizona. Wiederum: Ein großartiger, auf den Punkt gebrachter Designvortrag, der darstellte, wie designgetrieben und detailverliebt Uber hier agiert und das dahinterliegende Framework samt Methoden vorstellte. Aber ebenfalls: Keine kritische Silbe zu den kaum zu verleugnenden Imageproblemen der Marke Uber.

Der Elefant im Raum wird ignoriert.

 

Sitzsäcke und Play-Doh

Die aktuelle Sinnsuche vieler Unternehmen – was ist mein Zweck & wie erhöhe ich meine Innovations-Taktung – mendelte sich in Form von Ad-Hoc-Inno-Labs mit Sitzsäcken, Post-its, Lego und einem Schuss Serious Gaming auch auf die SXSW durch. Diese Labs waren – ich glaube ich erwähnte das Angebot an Veranstaltungen bereits – stets leer, wenn ich vorbeikam…

Serious Play bei Mercedes auf der SXSW.

Noch mehr VR, in diesem Fall bei Accenture.

Beyond Tellerrand

Aber, genug des typisch deutschen Rumkrittelns – mea culpa.

Angesichts des Angebots gab es auch zahlreiche große Momente und die Breite der Themen per se ist natürlich auch faszinierend und weitet ganz einfach den Blick – man wird auf Themen außerhalb der eigenen Blase gestoßen.

Wo sonst hört man in direkter Abfolge etwas zur Designentwicklung autonomer Fahrzeuge von Uber, sitzt dann in einem Talk zu „Immersive Horror Experiences“, wird hier in das Paralleluniversum der „Dark Rides“ in Lunaparks und Fear-Haunts (einer Kreuzung aus Hardcore-Rollenspiel und Geisterbahn) eingeführt und erfährt anschließend von der NASA, wie sie ihrem Auftrag nachkommt, die Öffentlichkeit einzubeziehen und das Bildmaterial vom MARS mit den neuesten Technologien aufbereitet…

Der NASA-Talk zeigte neben einer sehr entspannten Präsentation (“We can landrover on mars, and we can switch presentations”) auch das erste Farbbild vom Mars. Das wurde 1963 von Mariner 4 digital übertragen. Die Techniker erhielten die Farbwerte in Zahlen und wollten nicht auf eine aufwändige Auswertung warten. Also übertrugen Sie die Werte – Malen-nach-Zahlen – in Farbwerte und nutzen dafür Pastellkreiden. Ausgedruckt wurden die Werte auf dünne Streifen aus dem Ticker, die sie kolorierten und nebeneinanderklebten. Das Ergebnis lässt einen sofort an Rothko denken – für mich das Meisterwerk aus der Rubrik Medienkunst…

NASAs handkolorierte Mars-Bilder aus dem Jahr 1963.

Walter Isaacson , dem einen oder anderen als Direktor des Aspen-Instituts und Verfasser der Biografie Steve Jobs ein Begriff, stellte in seinem Talk „Hacking da Vinci’s Genius“ immer wieder Bezüge zu Jobs und den aktuellen Technologien her. Leonardos „Ultima Cena“ in Mailand zeichnet sich durch einen besonderen Lichteinfall von vorne links aus. Der Ort des Freskos – Bramantes Kirche Santa Maria della Grazie in Mailand  – hat an der linken Wand an der entsprechenden Stelle ein Fenster… Voilá, das erste Beispiel für Augmented Reality.

Eines meiner Highlights der Trade-Show waren die „Comptics“ des japanischen Tech-Giganten NTT, die direktionales, haptisches 3D-Force-Feedback gaben. Einer der beiden Demonstratoren nutzte technologisch einen Piezo und vibrierte, wie bei Game-Controllern seit langem bekannt. Zu sehen war das Video eines Formel-1-Rennwagens. Das Controller-ähnliche Hand-Device vibrierte, wenn dieser in der Kurve über die Curbs fuhr an der entsprechenden Seite stärker. Der Effekt war unmittelbar da. Das für mich aber wirklich Überzeugende: Er verstärkte sich, wenn man das Device mit in die Kurve bewegt… Das Feedback ging unmittelbar in die Wahrnehmung über, trotz banalem Use-Case, sehr kleinem Bildschirm und noch nicht klar ausgearbeitetem Device.

Bleiben wir bei den Japanern, die weitere Highlights stellten. Sony präsentiert sich perfekt in einer Lagerhalle unter dem Titel „WOW-Studios“. Wenn auch die Anwendungen wie Tangible Interfaces auf Interaktiven Tischen oder 3D-Sound schon länger bekannt erscheinen, so wurde hier eine perfekte Show und exzellente Inszenierung geboten.

Farbspiele mit Geschirr vom Panasonic-Stand.

Sonys Auftritt war ebenfalls sehr professionell.

Wirklich herausragend fand ich persönlich die Präsentation von Panasonic, die sich eine Off-Location auf der 6th Street – der alten Straße mit den auch tagsüber live spielenden Music-Clubs  – gesucht hatten.

Hier wurde rund ein Duzend völlig verschiedener Innovationsprojekte und -aktivitäten aus dem Bereich „Future Home Tech“ präsentiert, die einerseits exzellent gestaltet waren und durch entsprechende Grafik viel Liebe zum Detail zeigten. Zum anderen aber zeigten die Prototypen – obwohl sie nicht auf ein einheitliches Messe-Niveau gebracht worden waren, sondern sich als „Individuen“ präsentieren durften – Identität und inhaltlich wie gestalterisch einen starken Bezug zu Japan. Dazu zählten bspw. „Oni Robot“, ein Roboter für die Zubereitung von Onigiri oder „Ferment 2.0“, ein Messfühler, der einem bei der Zubereitung von Miso hilft und über eine App Zugang zu Rezepten und einer Community gewährt.

Video-Einblick in Panasonics SXSW-Auftritt.

 

Die „Future Life Factory“ stellte mit Wear Space einen kleinen, persönlichen Schutzschild für den Kopf mit Kopfhörern und aktiver Störschall-Unterdrückung vor. Ein Device, dass ich wirklich gerne im Flieger gehabt hätte…  Spannend das verwendete textile Material, das im Dunkeln durch reflektierendes Material ein anderes Pattern zeigte.

Last but not least wurde mit Kronosys („Kitchen Realm Optimization & Nurturing Operating System“) eine überzeugende Augemented Reality-Anwendung gezeigt, die zur Schulung professioneller Köche dient. Dabei überzeugte auch die Technik – die leichte und offene Brille war extrem crisp, verfügte über eine exzellente Auflösung und war Ägiden von den kruden Google Glasses entfernt (an die sich der eine oder andere noch erinnern mag). Auch funktionierte hier die Überlagerung der Wirklichkeit mit digitaler Information exzellent…

Diesen Schutzschild hätte ich beim Flug durchaus gerne gehabt.

Interessanter Nebeneffekt: Dasselbe Dress, jedoch mit Blitz fotografiert.

Austin: Good Vibrations

Das Resumée bliebe unvollständig, ohne wenigstens ein paar Sätze zu Austin zu verlieren. Austin ist eine der am schnellsten wachsenden Großstädte der USA; der Großraum wird als zweites Silicon Valley gehandelt und allein die Universität of Texas hat über 50.000 Studenten. Tech-Größen wie AMD, Apple, Google, IBM, HP und Samsung, aber auch der Spielentwickler Blizzard sind vor Ort. Die SXSW legte zudem nahe, dass auch Startups aus Bereichen wie Bitcoin und eHealth hier stark vertreten sind.

Downtown wird das Wachstum sicht- und spürbar – die Stadt hatte 1999 noch knapp 520.000 Einwohner und derzeit schon fast eine Million: Eine krude Mischung aus (post)modernen Highrises und brutalistischen Bürobauten wechselt sich ab mit historischen zweistöckigen Häusern, Schuppen und Hallen aus dem späten 19./frühen 20. Jahrhundert. Dazwischen Parkplätze und Brachflächen, eingestreut ein paar typische kleine Holzhäuser mit Veranden und die berühmten Foodtrucks. Das Capitol ist höher als das in Washington und sollte DC aufstocken wollen, zöge Texas nach, so dem Vernehmen nach das Versprechen .Wir wissen ja: everything is bigger in Texas…

Aber: Zugleich ist Austin eben auch zu Fuß zu erobern und die Distanzen sind eher europäisch.

Panoramasicht auf Austin. Zwischen den Türmen befindet sich eine wirklich interessante Stadt.

 

Die SXSW übernimmt Downtown ganz offensichtlich komplett, die Atmosphäre ist vergleichbar mit Mailand während der Möbelmesse – eigentlich ein großes Urlaubscamp, in dem alle aufgeregt durcheinanderwuseln.

Überall finden sich die Off-Events von Firmen wie Google, Accenture, Daimler, Uber etc. und Länder – wie auch das German Haus im Club Barracuda – dazwischen die Live-Clubs, die bereits tagsüber Bands am Start haben und nun durch die Acts des Music-Festivals verstärkt werden.

So hangelt man sich von Vortrag zu Vortrag, von Off Event zu Off Event, von Cocktail zu Cocktail und nimmt auch noch das eine andere Konzert mit… Langweilig ist das sicher nicht und die alte Zeile von Element of Crime kommt in den Sinn: „Wer jetzt noch schläft ist tot…“

„If you can’t make it good, make it… big?“

Kann man den alten Werberspruch (das Zitat wird zumeist Paul Rand zugeschrieben) auf die SXSW beziehen? Die inhaltliche Breite und quantitative Dichte der SXSW sind Stärke und Schwäche gleichermaßen. Die erste Hälfte des unterhaltsamen Vortrags von Bruce Sterling lieferte hier ein für mein Verständnis sehr treffendes Bild.

Neue Eindrücke und Inspiration nimmt bei so einer Woche wohl jeder mit und auch das Netzwerken kommt sicher nicht zu kurz. Es gibt aber eben auch Fachkonferenzen, die inhaltlich deutlich tiefer gehen und vor allem die Qualität der Referenten war für mich nicht durchgängig gegeben. Viel hatte man so oder ähnlich bereist gesehen und gehört. Es geht also weniger um den Cutting Edge als um den breiten Markt.

Größtes Problem aber ist vielleicht hier auch die eigene Erwartungshaltung – SXSW ist eben keine wirkliche Tech-Konferenz, sondern, ja, nun was eigentlich…?

 


Zuletzt noch ein paar interessante Links: